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Gewalt trotzen in Bagdad

17. November 2009 [ Kein Kommentar ]

Sie treffen sich abends beim Bier. Sie sind auf Facebook präsent und zeigen jedem, den es interessiert, was sie gerade tun. Sie malen, schauspielern und layouten.

Erstes Irak Forum für Gewaltfreiheit

Erstes Irak Forum für Gewaltfreiheit

Bilal, Ali und Assim sind Anfang 20 und wohnen in Bagdad, der Hauptstadt des Irak. Können diese ganz normale kreative junge Männer sein? Ja.

Und auch Nein, denn ihr Leben ist von Gewalt geprägt.

Assim, der Grafiker, liebt Eisenbahnen und schnelle Autos. Die Orient-Express-Waggons, die an einem Bahnhof von Bagdad stehen, hat er oft fotografiert. Sie fuhren einst bis Berlin.

Es gibt kaum ein Jahr seines Lebens, in dem der Irak nicht in einem Krieg war: als er 1988 geboren wurde, war der Krieg gegen den Iran kurz vor dem Ende, zwei Jahre später der Kuwait-Einmarsch von Saddam Hussein und die Operation Desert Storm der US-Amerikaner. Dann Embargo und schließlich 2003 der Irakkrieg, Sturz Saddams und ein Land unter Besatzung, in dem die Karten der Macht neu gemischt wurden. Der Machtpoker ist blutig und unberechenbar. Jederzeit kann eine Bombe in belebten Stadtvierteln hochgehen. Das prägt. Für Assim bedeutet diese Situation vor allem, dass nur der Moment zählt. Eine längerfristige Lebensplanung ist ihm kaum möglich, denn ob er auf dem Markt einkauft oder Freunde besucht, jederzeit kann eine Autobombe sein Leben beenden. Diese Perspektiv(losigkeit)en lassen ihn jedoch nicht in Angst erstarren, sondern im Gegenteil: „Ich habe keine Angst mehr“, sagt er. „Wenn ich Opfer von Gewalt werde, dann ist es eben so.“

Auch sein Freund, der Kunststudent Bilal Bahir, ist angesichts der Attentate in seiner Umgebung oft traurig. Da die Gewalt so oft im Namen des Islam geschehe, habe er – so erzählt er – im wahrsten Sinne des Wortes seinen Glauben verloren. Zu einem Gott, der so missbraucht wird, kann er nicht beten. Doch Bilal hat einen Weg gefunden, seine Trauer und Angst zu verarbeiten: In dem er sich das Leid von der Seele malt: in eindrucksvollen Gemälden, die etwa US-Bomber zeigen, wie sie Städte in Schutt und Asche legen. Die aber vor allem Gesichter zeigen, von Schrecken und Pein gezeichnet. Er will sich jedoch mit dem Leid nicht einfach abfinden. Er tut etwas dagegen.

Assim und Bilal versuchen – gemeinsam mit ihrem Freund, dem Schauspieler Ali Kareem, mit künstlerischen Mitteln der allgegenwärtigen Gewalt entgegen zu wirken.

Am 2. Oktober, dem Geburtstag Mahatma Gandhis, organisieren sie als Teil der LaOnf-Gruppe Bagdad, eine Demonstration. Bilal zeigt Gemälde und Zeichnungen, Assim Grafiken und Poster und Ali spielt eine selbst geschriebene Theaterperformance. In ihr stellt er das Psychogramm eines Selbstmordattentäters dar, ein Mensch, der selbst großes Leid erfahren hat und dieses Leid gegen sich und andere wendet.

Auf Facebook sind Fotos ihrer Aktionen zu sehen. Sie zeigen, dass es auch in den gefährlichsten Teilen Bagdads möglich ist, Zeichen gegen Gewalt zu setzen.

Denn Leid stumpft Menschen nicht nur ab, sondern kann sie auch anregen, sich zu engagieren. In einem Land wie Irak, dass sich eine eigene Tradition der Gewaltfreiheit erst schaffen muss, äußern sich immer mehr Stimmen für Frieden und Versöhnung. Diese Stimmen wollen hinausgetragen werden in die Welt. Hören wir sie um ihrer Willen, aber auch um unserer selbst Willen. Denn auch uns stumpft das Leid der Welt ab und macht uns taub.

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Autor/in: Stephan Brües Abo: RSS-Feed | Mehr...



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