Dorfentwicklung á la Drogenboss
Zacapa / Guatemala, 30, Juli 2009
Die guatemaltekische Polizei, die Streitkräfte und die US-Drogenbehörde DEA haben einiges aufgefahren: Helikopter, Fahrzeuge. Sie wollen vier Brüder der Familie Lorenzana in dem Dorf La Reforma im Department Zacapa festnehmen.
Sie werden verdächtigt des Drogenhandels und der Geldwäsche. Gut möglich, dass das stimmt. Die Autoritäten erfahren bei der Festnahme heftigen Widerstand – von Schlägern der Drogenbosse? Nein, das halbe Dorf La Reforma besetzt, bewaffnet mit Knüppeln und Macheten die Straße zum Dorf und damit zum Wohnort der vier Brüder Lorenzana. Aus verbrannten Reifen werden Barrikaden errichtet. Ganz normale Dorfbewohner schützen die Familie eines Drogenbosses.
Unglaublich? Verrückt? Nein, eher symptomatisch für ein Land der extremen sozialen Gegensätze, die durch neoliberale Reformen noch verschärft worden sind. Und wo Drogenkartelle Einfluss bis in Teile der Regierungsfunktionäre haben.
Und es ist Beleg für Brechts’ Erst kommt das Fressen, dann die Moral.
Aus der Sicht der Dorfbewohner La Reforma sind die Lorenzanas vor allem eines: die einzigen Wohltäter, die ihnen eine menschliches Leben ermöglichen. Die guatemaltekische Zeitung Prensa Libre zählt auf, in welcher Weise die Lorenzanas dem Dorf La Reforma in jeglichem Sinne hilft:
Diese Familie mache Sozialarbeit damit jeder ihrer Nachbarn zufrieden sei und niemand ihre Geschäfte anzeigt oder sich darin einmischt. Sie richteten eine medizinische Klinik mit Labor ein, die jeder Dorfbewohner gratis nutzen könne. Sie verschenken Spielzeug an die Kinder und Samenkörner für die Familienväter. Und sie veranstalten Versammlungen, Feste und Speisungen für jede, die darum nachsuchen.
Mutmaßlich arbeiten die Lorenzanas in ihrer geschäftlichen Tätigkeit mit der kolumbischen Drogenmafia zusammen. Der berühmt-berüchtigte Drogenboss von Medellin war ebenso bekannt für seine Wohltaten gegenüber den Slumbewohnern. Und auch in Italien sind soziale Wohltaten der Cosanostra, Mafia oder Ngrentha nicht unbekannt.
Aus wirtschaftsliberaler Sicht sind die Lorenzanas vorbildliche Bürger, die nicht staatliche Wohltaten erwarten oder einfordern, sondern selbst etwas tun, private Initiative zeigen. Warum soll der Staat für die Errichtung von Kliniken in jedem Dorf sorgen, wenn ein Drogenboss aus privater Verantwortung für seine Nachbarn das auch machen kann?
Ist das zynisch? Wahrscheinlich. Für die einfachen Bürger des Dorfes La Reforma jedenfalls wäre die Verhaftung der Lorenzanas möglicherweise das Ende eines vergleichsweise erträglichen Lebens. Es sei denn, der gleiche Staat, der – mit Recht – die Sicherheitskräfte holt, um die Drogenkriminalität zu bekämpfen, würde glaubhaft sicher stellen, dass die Bewohner von La Reforma – und alle Bewohner des Landes selbstverständlich ihr Recht auf medizinische Versorgung, regelmäßige Versorgung mit reinem Trinkwasser und Arbeit erhalten würden.
Danach sieht es trotz eines Präsidenten, der sich – mit einigem Recht – Sozialdemokrat nennt, jedoch nicht aus, denn dann müssten viel mehr Reiche – wie in gewisser Weise die Lorenzanas – etwas von ihrem Reichtum abgeben. Dazu sind – so scheint es – diese aber nicht bereit.








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